Zeitenwende

Zeitenwende

Dass Mitarbeiter nur etwa gut die Hälfte ihrer Arbeitszeit produktiv sind – und sein können – ist bekannt. Auch die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit ist viel besprochen. Spannender als diese Aspekte sind daher die Fragen, ob und wenn ja wie Arbeitgeber Steuerung zurückgewinnen sollten und warum es sich in jedem Fall immer wieder lohnt, neu über Zeit und Arbeit nachzudenken.

Zeit kann man nicht kaufen, nur eingeschränkt schenken und wer das Gegenteil probieren möchte, kann es ja mal bei – wo sonst – Amazon versuchen. Je nach persönlichem Algorithmus kommen dann Offerten aus der Belletristik, dem Elektronikhandel oder als „Amazon’s Choice“ das Zeitgeschenk“: eine „Pappbox mit 24 x 60 Minuten Zeit-Wertmarken zum Abreißen. Ist zynisch, wer nun denkt, die sollte der Online-Handelsriese womöglich am besten seinen eigenen deutschen Logistikmitarbeitern vor Weihnachten oder den Kindle-Bauern in den Fabriken in Fernost zudenken?

Ganz ohne Zynismus ist freilich interessant, wie der Amazon-Lenker und reichste Mensch der Welt, Jeff Bezos, ganz persönlich und in seinem Weltkonzern mit dem Thema Arbeitszeit umgeht. Denn das haben wir gelernt: Jenseits von Moral und Recht und nur nach dem Erfolg gefragt, dürfte Ausbeutung gar nicht lohnen – wenn man einschlägigen Studien glaubt (wir kommen darauf zurück). Das Beispiel Amazon scheint aber wie das zahlreicher anderer Konzerne genau das Gegenteil zu belegen.

Zwei Pizzen für das Weltmonopol

Von seiner menschlichen Seite her beurteilt gilt Bezos als Rüpel, der seinen Mitarbeitern zu wenig zahlt und für seine Wutausbrüche berüchtigt ist. Dabei gibt er sich aber auch als Gemütsmensch, der auf ausreichend Schlaf achtet und sich deshalb – welcher Berufstätige außer ehemals Thomas Mann leistet sich das sonst noch? – keinen Wecker stellt. Erforderliche Manpower bemisst er lieber in Mahlzeiten als in Timelines – weithin bekannt ist sein Spruch „Halte nie ein Meeting, für das zwei Pizzen nicht ausreichen würden.“

Wenn es folglich nur zwei belegte Teigfladen braucht, um am Weltmonopol zu kratzen – also nur so viele Beteiligte, die von ihnen satt werden können – müsste das doch auch zackig zu erledigen sein.

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Erschienen in „Lohn+Gehalt“, Ausgabe 2/19

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